Gerd Heidemann

Der Nazi-Tick

Die Hitler-Tagebücher sollten die Story seines Lebens werden – doch sie wurden sein Ruin. Der ehemalige Stern-Reporter Gerd Heidemann präsentierte Ina Almeroth und Marina Leunig seine ganz eigene Erklärung für die größte Ente der deutschen Pressegeschichte.


Herr Heidemann, Sie sagten bei unserem ersten Telefonat, Sie würden gern Ihre Rolle bei diesem Skandal ins rechte Licht rücken. Nun haben Sie die Gelegenheit dazu.

Gerd Heidemann: Lassen Sie mich von vorn beginnen. Also, ich war seit 1955 beim Stern, zunächst als Fotograf, dann übertrug man mir auch Recherchen und immer brisantere Aufträge. Ich habe fast jede große Affäre der Bundesrepublik bearbeitet und nur noch nebenbei fotografiert, vor allem als Kriegsberichterstatter in Afrika. Ich war bei 13 Kriegen an vorderster Front dabei. Mein Interesse an ns-Themen war nicht besonders ausgeprägt; das ist eine Sache, die ich klarstellen will. Auf die Idee, mich näher mit dem Dritten Reich zu befassen, kam ich durch Aufträge des damaligen Stern-Redakteurs Erich Kuby und durch den Stern-Redakteur Jochen von Lang. Durch sie lernte ich etliche ehemalige hochrangige Nazis kennen, etwa Karl Wolff, einen Ex-General der Waffen-ss, mit dem ich nach Südamerika flog, um dort untergetauchte SS-Führer aufzuspüren.

Und diese alten Kameraden haben eine große Faszination auf Sie ausgeübt, oder?

Das wird mir immer angedichtet, es stimmt aber nicht. Die Tagebuch-Affäre ergab sich eher zufällig. Als alles im Januar 1980 begann, hatte ich beim Stern übrigens gerade gekündigt, ich musste nur noch meine zwölfmonatige Kündigungsfrist abdienen, war also nicht übermäßig motiviert. Damals rief mich Wilhelm Mohnke, der letzte »Kampfkommandant der Reichskanzlei«, an, weil er für einen Sammler ns-Stücke suchte.

Solche Stücke besaßen Sie selbst reichlich: unter anderem die ehemalige Jacht von Hermann Göring, die Sie mit einer seiner Uniformen dekorierten. Mit seiner Tochter waren Sie zudem liiert.

Die Jacht gehörte aber auch mal der englischen Königin, sie hieß sogar Prinz Charles. Nichtsdestotrotz wurde die Affäre durch einen weiteren Militaria-Sammler angestoßen. Der hieß Fritz Stiefel, stammte aus Baden-Württemberg, und es hieß, dass er ein Hitler-Tagebuch besäße. Ich besuchte ihn skeptisch, und er zeigte mir das Tagebuch, das er aus einem Tresor nahm. Ich konnte die altdeutsche Schrift damals noch nicht richtig lesen, aber drei Sätze haben sich bis heute in mein Gedächtnis eingebrannt: »Wenn Stalin glaubt, er kann so weitermachen, müssen wir ihm einen Riegel vorschieben.« Und: »Meine Magenverstimmung hat sich behoben. Ich kann wieder feste Nahrung zu mir nehmen.«

Drei banale Sätze – und Sie waren gleich Feuer und Flamme?

Nein, ich habe Stiefel nur gefragt, wie viele von den Kladden es geben soll und wo sie herkommen. Er antwortete, dass es etwa 20 seien und dass sie aus einem Flugzeug stammten, das in den letzten Kriegstagen in der Nähe von Leipzig abgestürzt sei. Eine Woche später setzte sich in der Stern-Kantine in Hamburg der Herausgeber Henri Nannen neben mich und wollte wissen, woran ich arbeitete. Ich habe ihm die Story mit den angeblichen Tagebüchern erzählt, und er hat mich gefragt: »Kommen Sie an die denn ran?« Nicht, dass Sie das jetzt falsch verstehen: Er fragte nicht übermäßig interessiert. Wir alle waren überhaupt nicht scharf auf das Thema. Das wird jetzt im Nachhinein immer bloß so dargestellt. Nannen verwies mich dann an Thomas Walde, unseren Ressortleiter für Zeitgeschichte, der mich auf die Suche schickte. Auch sein Engagement war zunächst eher pflichtschuldig.

Erstaunlich, dass niemand auch nur einen Funken Interesse an diesem Thema gehabt haben soll. Die Faszination der bundesdeutschen Presse für die Nazi-Zeit im Allgemeinen und Adolf Hitler im Besonderen ist nicht zu übersehen.

Das stimmt, ein Blatt wie der Spiegel lebt nicht schlecht von Adolf Hitler, kaum eine Ausgabe, in der nicht zumindest ein Foto von ihm erscheint. Ist ja auch logisch: Die Leute interessieren sich für die Nazi-Zeit, also bringen die Medien Geschichten darüber – alle haben einen Hitler-Tick. Ich aber hatte, wie gesagt, nicht zuletzt wegen meiner später zurückgenommenen Kündigung zunächst kein Interesse an den Tagebüchern. Ich wollte das Thema deshalb an einen Volontär abgeben, der damals bei unserer Themenbesprechung auf meinem Schiff dabei war.

Man traf sich auf Ihrer Göring-Jacht, um über die Hitler-Tagebücher zu reden?

Wir besprachen alle möglichen Themen, und der Volontär erzählte, dass er nach dem Ende seiner Ausbildung gern zur Stuttgarter Zeitung wollte. Da schlug ich Walde vor, dass der junge Mann doch den Händler, von dem der Sammler das Tagebuch gekauft hatte, suchen könnte, weil der aus Stuttgart kommen sollte. Walde machte aber nur: »Psst«, weil er vor den anderen wohl nicht darüber sprechen wollte. Und das Thema, das ich loswerden wollte, blieb bei mir.

Jedenfalls sind Sie mit diesem sensiblen Thema ziemlich unsensibel umgegangen. Thomas Walde sagte einmal, Sie hätten irgendwann nur noch verifiziert, statt zu falsifizieren. Stimmt das?

Wir sind mit dem Thema nicht unsensibel umgegangen. Es passte doch alles. Ich habe irgendwann nach dem abgestürzten Flugzeug recherchiert, von dem Fritz Stiefel, der Sammler, bei dem ich das erste Tagebuch gesehen hatte, mir berichtete. Und tatsächlich gab es in der Literatur Hinweise auf den Flugzeugabsturz. In einer Quelle hieß es sogar, Hitler hätte, als er vom Absturz der Maschine hörte, bedauert, dass wichtige Aufzeichnungen verloren gegangen seien. Ja, das klang doch nach Tagebüchern. Und dann hat der Sammler Fritz Stiefel den Kontakt zu Konrad Kujau hergestellt, den wir alle aber nur unter dem Namen Konrad Fischer kannten.

Der ehemalige Stern-Redakteur Michael Seufert schreibt in seinem Buch Der Skandal um die Hitler-Tagebücher, dass man, nachdem die Story geplatzt war, sehr schnell herausgefunden hat, dass Fischer gar nicht Fischer, sondern Kujau heißt. Warum ist Ihnen das damals nicht aufgefallen?

Wer kommt denn auf die Idee, dass ein Mann, von dem alle seine Bekannten sagen, er heiße Fischer, gar nicht Fischer heißt? Außerdem liegt Seufert in seinem Buch nach meiner Überzeugung auch nicht mit allem richtig.

Konnte man von jemandem wie Ihnen – der den Ruf hatte, dass seine Geschichten stets wasserdicht seien – nicht erwarten, das Geheimnis von Kujau zu lüften?

Es dauerte allein Monate, bis ich ihn überhaupt gefunden hatte, denn niemand wollte mir seinen Namen verraten. Ich habe dann versucht, seine Identität über den Verfassungsschutz klären zu lassen. Aber die konnten mir auch nicht helfen. Kujau war immer und überall ein begnadeter Lügner. Unser Fehler war, dass wir ihn nicht für voll genommen haben. Wir haben Kujau unterschätzt.

Aber hat es Sie denn nicht stutzig gemacht, dass über diese Person nichts herauszufinden war? Das ist doch ungewöhnlich.

Alle kannten ihn unter diesem Namen. Im Gästebuch von Fritz Stiefel konnte ich nachlesen, dass sich allerlei Prominente seine Sammlung angesehen haben. Darunter der Polizeipräsident von Stuttgart, der ehemalige persönliche Chefpilot Hitlers General Hans Baur, und der berühmte Jagdflieger Oberst Hans-Ulrich Rudel. Und Stiefel hatte seine Sammlung größtenteils von Kujau. Heute weiß man, dass fast alles gefälscht war, aber damals waren auch Fachleute von der Echtheit überzeugt – warum hätte ich zweifeln sollen?

Weil es zu Ihrem Beruf gehört.

Der Historiker August Priesack, früher Mitarbeiter im Hauptarchiv der Reichsleitung der nsdap, hatte die Dokumente von Stiefel auf Echtheit geprüft und nur 18 der 1000 Schriftstücke für fragwürdig erklärt. Das sei eine normale Quote, denn alles von Hitler stand schon immer hoch im Kurs. Der Ehrlichkeit halber muss man allerdings sagen, dass der Stern damals auch offenkundig Fragwürdiges druckte, unter anderem das Gedicht Der Kamerad, das von Hitler stammen sollte und bei dem Priesack im wahrsten Sinne des Wortes Ungereimtheiten festgestellt hatte. Später erwies es sich dann tatsächlich auch als Fälschung.

War es nicht abenteuerlich, dass die Tagebuch-Story von einem kleinen Kreis Verschworener vorangetrieben wurde? Wäre es nicht nötig gewesen, von Anfang an auch kritische Geister und natürlich die Chefredaktion einzuweihen?

Die Chefredaktion wusste doch Bescheid, schließlich haben die immer meine Reisekostenabrechnungen abgezeichnet, und auf denen stand »Hitler-Tagebücher« oder »Hitler-Memoiren«. Wenn sie nicht blind unterschrieben haben, war denen klar, woran ich arbeitete. Nachdem Thomas Walde allerdings, wegen der Finanzierung, die Verlagsleitung eingeschaltet hatte, durfte ich das Thema nicht mehr so klar benennen. Die haben mir das verboten, ich musste einen Decknamen verwenden.

Also haben nicht Sie, sondern der Verlag die Arbeit an der Story geheim halten wollen?

Richtig. Manfred Fischer, der damalige Verlagschef von Gruner + Jahr, behielt sich vor, die Chefredaktion zu gegebener Zeit einzuschalten. Wir haben ihm immer wieder gesagt: »Die Chefredakteure müssen darüber informiert werden, dass schon Geld geflossen ist.« Er aber wollte abwarten, bis ein Dutzend Tagebücher gekauft war, und erst dann die Karten auf den Tisch legen. Die Behauptung, ich hätte die Chefredaktion außen vor gehalten, ist falsch. Im Gegenteil: Ich war es, der später, ungefähr zwei Jahre vor der Veröffentlichung, darauf bestanden hat, dass sie informiert wurden.

Was genau hat Sie bei dem Thema angetrieben? Wollten Sie mit dem NS-Scoop reich werden?

An Geld habe ich nie gedacht. Ich habe auch keine Sonderkonditio-nen ausgehandelt, wie behauptet wurde. In meinem normalen Reportervertrag stand, dass ich vom Weiterverkauf meiner Geschichten 50 Prozent bekomme. Ich habe dann sogar 10 Prozent an Walde abgetreten. Weil der mich bei dem Thema so angetrieben hat, was eigentlich auch seine Pflicht war, sollte er ebenso etwas vom Weiterverkauf des unbearbeiteten Materials haben.

Das hört sich so an, als ob Thomas Walde schuld an dem Skandal sei.

Ja, wenn man überhaupt von Schuld sprechen kann, war er genauso schuldig wie ich. Er hatte aber schon immer ein schlechtes Gedächtnis, deshalb sehe ich es ihm nach, dass er sich später vor Gericht nicht mehr erinnern konnte. Außerdem hat er mir später einen Brief geschrieben, in dem er vieles richtiggestellt hat, was mich angeblich belastete.

Können Sie uns den Brief zeigen?

Ich gebe Ihnen eine Kopie.

Wer ist denn nun der Hauptverantwortliche für die größte Ente der bundesdeutschen Pressegeschichte?

Einen wesentlichen Anteil hatte Peter Koch, einer der Chefredakteure. Obwohl er historisch nicht bewandert war, sorgte er dafür, dass in dem Stern-Artikel über die Tagebücher stand, die Geschichte des Dritten Reichs müsse umgeschrieben werden. Das hat uns den größten Ärger eingebracht. Hätte man vorsichtiger formuliert und etwa geschrieben, dass noch bestimmte Gutachten ausstehen, wäre die Sache weniger schlimm ausgegangen. Das Großkotzige habe ich schon immer verabscheut. Wenn jemand unsensibel mit dem Thema umgegangen ist, wie Sie vorhin behauptet haben, dann war es die Chefredaktion.

Sind Sie so böse auf Peter Koch, weil der Ihnen, wie Michael Seufert schreibt, verboten hat, sich mit NS-Themen zu beschäftigen?

Das hat Koch zwar vor Gericht behauptet, aber in Wirklichkeit war es anders. Er wollte mich damals zu einer Recherche über Rüstung in der Bundesrepublik bewegen. Zu der Zeit war ich aber mit den Tagebüchern beschäftigt und habe ihm das auch gesagt. Da wettete er mit mir um eine Kiste Champagner, dass diese Rüstungsstory schneller im Stern erscheinen würde als die über die Hitler-Tagebücher. Das war alles, von einem Verbot kann keine Rede sein. Koch überredete mich sogar, meine Kündigung zurückzuziehen. Nicht der einzige Fehler von Seufert. Ein anderes Beispiel ist das Foto, auf dem Hitler mit mehreren Personen vor dem Eiffelturm in Paris zu sehen ist. Seufert schreibt, auf der Rückseite seien sieben Zeilen Hitler-Schrift und seine Unterschrift zu lesen, Datum 7. Juli 1940. Und weiter: »Dieses Foto mit Hitlers Notiz auf der Rückseite ist eine besondere Kuriosität, es spricht dafür, wie sorglos Kujau für seinen Duzfreund Heidemann Dokumente produziert, und dafür, wie leichtfertig und kritiklos Walde und Heidemann mit dem Material umgehen. Es ist allgemein bekannt, dass Hitler am 23. Juni Paris besuchte. Dass er am 7. Juli 1940 noch einmal in Paris gewesen sei, ist nicht bekannt.« Aber erstens ist das keine Postkarte, zweitens ist nicht auf die Rückseite geschrieben, sondern auf das Foto, und es steht drüber »Besuch in Paris am 28. Juni«. Da es damals noch keine Polaroid-Kameras gab, hätte Hitler das Foto natürlich erst nach der Entwicklung unterschrieben haben können. Seufert versucht, uns als Dummköpfe darzustellen, und arbeitet selbst nicht ganz einwandfrei.

Das sagen Sie. Seufert schreibt auch, dass sowohl Otto Günsche, der persönliche Adjutant Hitlers, als auch Christa Schroeder, Hitlers ehemalige Sekretärin, Ihnen gesagt haben, dass Hitler niemals Tagebuch geschrieben habe. Aus welchem Grund haben Sie diese Aussagen ignoriert?

Ich habe die Aussagen nicht ignoriert, sie sind sogar im Stern veröffentlicht worden. Außerdem habe ich den Sohn von Heinrich Hoffmann, dem Fotografen Hitlers, damit konfrontiert. Und der sagte zu mir: »Ja, glaubst du, dass die Sekretärin nachts in Hitlers Schlafzimmer gekommen ist, wenn er diese Sätze geschrieben hat?« Vor Gericht hat er dann allerdings das Gegenteil behauptet. Er war nicht der Einzige, der nicht die Wahrheit gesagt hat. Aus dem Verlag haben fast alle gelogen, eine Ausnahme war Manfred Fischer, der hat die Wahrheit gesagt. Ich habe damals zum ersten Mal gemerkt, dass man sich auf Zeugenaussagen nicht verlassen darf.

Und offenbar nicht auf Vorgesetzte und Kollegen. Empfinden Sie es als ungerecht, dass Sie neben dem Fälscher Kujau als Einziger für den Skandal im Gefängnis büßen mussten?

So ist das Leben. Ich bin nicht verbittert. Einer muss der Sündenbock sein, und das bin nun mal ich gewesen. Es hätte schlimmer kommen können, ich hätte auch bei einer meiner Kriegsreportagen erschossen werden können. Was mich allerdings enttäuscht, ist, dass niemand aus der Firma, für die ich 30 Jahre Kopf und Kragen riskiert habe, es für nötig befunden hat, mit mir vernünftig über die Affäre zu sprechen und das aufzuklären, was aufzuklären ist.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als alles aufflog?

Ich war gerade auf der Autobahn unterwegs und hörte um 14 Uhr die Nachrichten, als der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann verkündete: »Die Tagebücher sind eine Fälschung.« Ich konnte kaum noch das Steuer halten, meine Knie waren weich, alle Kraft war erloschen. Ich habe geschaut, ob da irgendwo ein Brückenpfeiler war, gegen den ich donnern konnte. Aber da war keiner.



Gerd Heidemann wird am 4. Dezember 1931 in Hamburg-Altona geboren, wo er bis heute lebt. Seine berufliche Laufbahn beginnt er als Fotograf. 1955 wird er fest beim Stern angestellt. Er erarbeitet sich den Ruf, einer der besten Reporter des Landes zu sein. Seine Recherchen gelten als wasserdicht, bis er 1983 über die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher stürzt. Heute ist der ehemalige Topjournalist, der im Auftrag des Sterns die Tagebücher angekauft und als Sensation präsentiert hat, mittellos.

Auszug aus: Jens Bergmann / Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. edition medienpraxis, 6, 2009, 352 S., Broschur, 190 x 120 mm, dt. ISBN 978-3-938258-47-7