Tom Kummer:
Faction
Tom Kummer
hat mit seinen gefälschten Star-Interviews sich selbst und
dem Journalismus schwer geschadet. Er sieht das aber ganz
anders. Mit Claudia Beckschebe und Jon Mendrala sprach er
über seine ganz persönliche Wahrheit.
Tom Kummer, 1963 in Bern geboren, hätte eigentlich
Tennisprofi werden sollen. Als Jugendlicher spielt er sich
auf Rang 15 der Schweizer Herren-Rangliste, scheitert dann
aber bei einem wichtigen Turnier und zieht sich aus dem
Sport zurück. Vor der Langeweile Berns flieht Kummer erst
in Bibliotheken und schließlich 1983 nach West-Berlin. Er
lebt bei Hausbesetzern in Kreuzberg und kommt 1985 mehr
oder weniger zufällig zum Schreiben: Sein erstes
literarisches Projekt, so behauptet Kummer, ist das fiktive
Tagebuch eines RAF-Terroristen, das er dem
Spiegel
zu verkaufen versucht. Das Nachrichtenmagazin zeigt
angeblich Interesse – bis Kummer eröffnet, dass es
sich um Fiktion handelt, und der Kontakt abbricht. Später
wird er Reporter für Transatlantik und das Zeitgeistmagazin
Tempo – eine klassische journalistische
Ausbildung durchläuft er nie. Tempo trennt sich 1992 von
Kummer, da er im Verdacht steht, Reportagen gefälscht zu
haben. Neue Abnehmer für seine Geschichten findet Kummer
beim
SZ-Magazin, für das er als
Hollywood-Korrespondent tätig wird. Seine Interviews und
Reportagen avancieren zu Titelthemen und werden auch in
weiteren Qualitätsmedien wie
FAZ, Stern und der
Zeit abgedruckt. 1997 erscheint Kummers Buch
Good Morning, Los Angeles, in dem er sich offen
zum Konzept-Journalismus bekennt. Drei Jahre später beendet
das
SZ-Magazin nach Zweifeln an der Echtheit eines
Christina-Ricci-Interviews die Zusammenarbeit. Erst im Mai
2000 wird der Fall öffentlich, als das Magazin
Focus Kummer der Interviewfälschung bezichtigt. Es
ist einer der größten Medienskandale der jüngeren
Vergangenheit, in dessen Folge beide Chefredakteure des
SZ-Magazins ihre Posten verlieren. Tom Kummer lebt
heute mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Los Angeles
und arbeitet dort als Paddle-Tennistrainer.